Wörter sind bloß die oberflächliche Markierung komplexer, hundertfach durchlebter Gefühle und Reaktionen. Das fällt selten auf, weil wir uns auf diese (notwendige) Oberfläche immer sofort verständigen können und müssen. Bei manchen Wörtern, wie „Rotbuche“ oder „Heizung“ ist es kaum wahrnehmbar, bei anderen wie „Liebe“ oder „Politik“ wird es schnell zum Problem. Die Wörter, die wir benutzen sind immer auch – und vor allem – unsere eigenen mit einer spezifischen Resonanz. An dieser die Anderen teilhaben zu lassen, ist nicht selten nahezu unmöglich. Dennoch gibt es natürlich Überlagerungen, Verwandtschaften, Widersprüche und diese zu erforschen macht die schönsten Gespräche aus – mitunter gilt dies auch für Filme.

Ein solches Wort ist auch „Wiegenlieder“. Seine konkrete Bedeutung erschließt sich nur dem Einzelnen, welcher – seinem eigenen Lied folgend – einen Tunnel in die vergangene Zeit schneidet. An dessem Ende warten nicht selten archetypische Konstellationen, die unser ganzes Leben mitbestimmten. Der Sogwirkung dieser Lieder setzt sich der Film von Tamara Trampe und Johann Feindt aus. Nicht eine einzelne Geschichte steht im Vordergrund, sondern die Erforschung all jener Elemente, die sich am Rand der Wiegenlied-Erinnerung sammeln, der erste Kontakt mit den Eltern, gemeinsame und einsame Musik, Zuwendungsmangel und -überfluss. In diesen Reigen wird selbst die Kamera gezogen und macht immer wieder Ausflüge in eine Kinderwelt.

Der Film möchte ein Spiegel sein für den Betrachter, so wie seine Fotoautomaten es sind für seine Protagonisten. Oder auch wie jene Pfütze es ist für das Kind, das zum ersten Mal einen Unterschied wahrnimmt zwischen Ich und Ich. Dass wir alle im Laufe unseres Lebens und der Zeit erfahren haben, dass es mitunter einen großen Unterschied zwischen Ich und Ich gibt, daran erinnert „Wiegenlieder“ und geht dabei in seiner Vielschichtigkeit an die Grenzen dessen, was ein Dokumentarfilm leisten kann.