Kieslowski hätte seinem Film einen pathetischen, auf den Inhalt rekurrierenden Titel geben können, etwa „40 Menschen, ein Menschenalter“. Er hat sich stattdessen für jenen nüchternen, fast technischen und oft verächtlich gebrauchten Ausdruck entschieden.
„Talking Heads“ sind in den meisten Dokumentarfilmen das Anti-Bild schlechthin. Der Talking Head ist der Mensch, der sichtbar ist und doch unsichtbar wird. Im Vordergrund steht die abgeklärte und vorbereitete Rede. Dagegen verschwindet das Gesicht oder der Kopf. Seine Geschichte wird gleichgültig und wir könnten ebenso gut einem Radio-Feature lauschen. Es ist ein Kopf der auf genau eine Eigenschaft reduziert ist: Sprechen.

Drei Fragen, die von 40 Menschen beantwortet werden, deren Alter sukzessive von 2 bis 100 Jahren zunimmt, das ist die klare Struktur von Kieslowskies Film. Der Bildausschnitt ist dabei immer auf Kopf und Schultern beschränkt. Im stets unscharfen Hintergrund bleibt dabei eine Ahnung der jeweiligen, konkreten Lebenswelt. Die drei Fragen, die alle Protagonisten beantworten, sind gewissermaßen typische Dokumentarfilm-Fragen. „Wann wurdest du geboren? Wer bist du? Was ist das wichtigste für dich, was willst du vom Leben?“ Es ist also ein Film, der in geradezu herausfordernder Weise einfachste, fast verpönte Mittel ausstellt.

Durch die Wiederholung der immer gleichen Einstellung wird das Verhältnis der Personen und Milieus untereinander, als einzig verbliebene Variable das Wichtigste. Diese Relationen wachsen zu einem dichten Geflecht, in dem sich unendlich viel entdecken lässt. Resignative Perspektiven scheinen sich in optimistische aufzulösen und umgekehrt. Existenzielle Wünsche werden fraglich (und fragliche existenziell). Dazwischen gibt es nur die eine eindeutige Antwort, dass es keinen festen Standpunkt gibt der Eindeutigkeit versprechen könnte. Dieser Reichtum an relationalen Bildern bedeutet für uns, dass jede und jeder ein persönliches Verhältnis zu ihnen entwickeln kann. In den Augen der Anderen sind es immer auch andere zu entdeckende Relationen.

Das Geheimnis der Talking Heads in diesem Dokumentarfilm ist, dass sie aufeinander bezogen sind, dass wir die Spuren des einen Gesichts im anderen weiter verfolgen. Es sind nicht die leeren Gesichter von Menschen, die von einem jenseitigen Ort aus zu sprechen scheinen, sondern Gesichter, in denen sich ihre Lebenssituation und der im Hintergrund erkennbare je eigene Lebensraum spiegelt. Sie nehmen nicht Platz auf einem für sie arrangierten Sofa um ihr Leben zu kommentieren, sondern sie halten kurz inne, von der Spannung des gerade Gelebten erfüllt, um das, was sie jetzt sind auszusprechen. Vielleicht ist die erstaunliche Eloquenz der Antworten nicht, wie vermeintlich naheliegend, einem längeren Reflektionsprozess geschuldet, sondern dem Umstand, dass Kieslowski die Menschen dort aufsucht, wo sie sind, arbeiten und leben.

Kieslowski nannte seinen Film herausfordernd „Talking Heads“, denn seine Protagonisten darauf zu reduzieren wäre anmaßend. Elegant zeigt er, wie die filmischen Mittel aussehen um den Talking Head zum Menschen zu machen.