Nicht einmal die Hälfte dieses Films habe ich beim Dokfest Leipzig 2012 gesehen. Mir schien es notwendig den Saal zu verlassen um nicht zum Komplizen der Filmemacherin zu werden. Der Film zeigt ein siebenjähriges Mädchen, dass unter äußerst prekären Verhältnissen aufwächst. 2011 hat er auf dem Artdocfest in Moskau einen Preis dafür gewonnen, dass die Filmemacherin nicht eingreift, wenn die Eltern ihr Kind verprügeln.

Die Filmemacherin profitiert von ihrem stillem Einverständnis zur Gewalt. Sie gewinnt einen – ihre Karriere fördernden – Preis, weil es Leute gibt, die einer zynischen Argumentation folgen, die in etwa wie folgt aussehen könnte: Da es solche Zustände (Gewalt, Armut, Verrohung) gibt, muss man sie zeigen, denn sonst werden sie ignoriert. Abgesehen davon, dass es wohl eher unwahrscheinlich ist, dass beim saturierten Festivalpublikum aus der bloßen Konfrontation mit Zuständen, die durchaus nicht unbekannt sind, irgendwelche Reaktionen erwachsen, stellt sich die Frage, wo die Grenze zu ziehen ist. Wird die Filmemacherin als nächstes mit versteckter Kamera Vergewaltigungen im Park filmen oder in bester Snuff-Manier beim Morden drehen?

Im anschließenden Filmgespräch (so habe ich mir berichten lassen) konnte die Filmemacherin nicht auf die Frage antworten, warum sie diesen Film gemacht hat, oder was sie damit erreichen wollte. Der Eindruck blieb, dass sie sich schlicht nicht sonderlich viel Gedanken gemacht hat. Vielleicht liegt die Antwort in der ungewöhnlich dogmatischen Ausrichtung der Institution an der sie gelernt hat, der Razbežkina-Ugarov-Schule. An dieser ist ein bestimmter dokumentarischer Stil, den es in Reinform nie gab, scheinbar zu einem Dogma erstarrt: kein Stativ, kein Kommentar, keine Intervention.

Mit diesem Dogma wächst die Filmemacherin über die oft postulierte „fly on the wall“ hinaus. Sie wird gottgleich, weilt gewissermaßen nicht mehr unter Menschen und ist ihnen auch zu nichts verpflichtet. Hoffentlich sterben die Götter auch unter Dokumentarfilmern eines Tages aus.