Fernand Melgars Dokumentarfilm ist ein Meisterwerk in der Kerndisziplin des Dokumentarischen – der Beobachtung. Was vielleicht mit dem direct cinema seinen Anfang nahm, wird hier präzise auf die Spitze getrieben. Eine Kamera, deren Anwesenheit kaum spürbar ist, wird ergänzt durch eine Montage, die die Ereignisse auf ihr Wesentliches verdichtet. Dabei gelingt es, in dieser Verdichtung den Ereignischarakter zu wahren und nicht durch eine objektive, vermeintlich wahre Sicht zu zerstören.

Es sind zwei starke Antagonisten, die in diesem Film aufeinander stoßen. Auf der einen Seite der idyllische schweizer Jura, auf der anderen Seite Asylsuchende, denen diese Idylle fremd ist und die selbst wiederum jenen fremd sind, die hier ostentativ Heimat leben. Fremde, Heimat, Heim, eine Reihung, die der Film umkreist, wobei das Heim am Schnittpunkt sich als Festung erweist.

Was wir gemeinhin Realität nennen, ist am ehesten einer Buchstabenwahrheit vergleichbar. Realität in diesem Sinne ist das Bild, das wir uns von der Welt gemacht und als richtig akzeptiert haben. Der Dokumentarfilm gibt nicht die Realität wieder, sondern stellt sie in Frage. Die Vertreter der Realität in diesem Film sind Bürokraten. Sie lesen einem Flüchtling vor, dass die Regierung in Togo sich verpflichtet hat, die sichere Rückkehr von Flüchtlingen zu gewährleisten. Der Flüchtling müsse sich also keine Sorgen machen. Die Kamera ruht währenddessen auf dem Finger der Prüferin, der den Zeilen folgt. Der Antrag des Flüchtlings wird abgelehnt. Einem anderen glauben sie nicht, dass er mit einer Schusswunde wochenlang durch die Wüste geflohen ist. Den einzig möglichen Einwand gegen die Realität der Verwaltung suchen die Bilder. Wir müssen mit ihrer Hilfe selbst entscheiden, wem wir Glaub- oder Fragwürdigkeit zuteilen.

Die Kamera vollführt über den ganzen Film hinweg eine Suchbewegung an der Bruchkante des Realistischen. Dabei trifft sie immer wieder auf die Ironie von Koinzidenzen, wie die eines Flüchtlings-Mädchens mit Stacheldrahtpullover auf einem Spielplatz mit meterhohen Maschendraht. Sie sucht nach Bildern, die in der Lage sind, ein metaphorisches Begleitthema einzuführen. Verweisen die Desinfektions-, Reinigungs- und Kontrollrituale nicht auch auf das Verhältnis der Schweiz zu ihren Asylsuchenden?

Der Film ist überreich an Bildern, die offen bleiben für Interpretation. Es wird kein Urteil gefällt über das Sichtbare. Dieses Urteil hängt zuletzt von der Disposition und dem Willen zur Auseinandersetzung der Betrachtenden ab. Ohne Weiteres lässt sich diese Auseinandersetzung ausdehnen in immer neuen Begegnungen mit diesem Film.