Die Gezeichneten und Ausgestoßenen hatten schon immer ihr besonderes Refugium im Dokumentarfilm. Offenbar bietet dieser ihnen einen Raum zur Repräsentation, den sie kaum an anderer Stelle finden können. Andererseits ist diese Möglichkeit sehr ambivalent. Sie ist verführerisch aufgrund ihrer Exklusivität und bedrohlich zugleich, da im Licht des Ausgestellt-Seins, was vorher bloß vorhanden war, nun exhibitionistisch oder dem Voyeurismus anheim gestellt erscheinen kann. Woher diese Transformation und was heißt es ausgestellt zu werden?

Eine Antwort geben die „Zeitkristalle“ des Gilles Deleuze. Diese stehen für die erste Teilung eines Bildes in aktuelles und virtuelles Bild, für den Punkt, an dem diese beiden nahezu ununterscheidbar sind. Eine solche Teilung sieht Deleuze zum Beispiel grundsätzlich im Schauspiel, den virtuellen Rollen, die die aktuellen Menschen überlagern, von denen sie dargestellt werden. Zugleich gibt es hierzu eine Umkehrung, die er unter anderem in dem Film Freaks entdeckt. Hier sind die Schauspieler Missgestaltete, deren Rolle identisch zu sein scheint mit ihrem aktuellen Bild. Ihre Gestalt ist für die anderen Charaktere des Films Anlass, die Freaks ihrer Gestalt entsprechend zu instrumentalisieren. Diese Perspektive meint nun allerdings das virtuelle Bild, dass der (Miss-)Gestalt eine eindeutige Identität anhängt. Die Beobachtung von Deleuze ist, dass die Freaks als Schauspieler sich an der Übermacht des sich ihnen entgegenstemmenden, virtuellen Bildes rächen. Anders als beim Schauspieler wird ihre Aktualität in eine erdrückende Virtualität pervertiert. Somit repräsentiert dieser Film ein Phänomen, das den Dokumentarfilm oft begleitet, nur dass diejenigen, die in Freaks als Gegenspieler noch Teil des Films waren, beim Dokumentarfilm im Publikum sitzen. Die Frage ist nun eine andere: Wer entscheidet darüber, ob die Protagonisten abartig erscheinen oder nicht? Es geht um unvermeidliche virtuelle Präsenz. Obdachlose, zu Tode Verurteilte, Deformierte, sexuell Abnorme, Todkranke, Prominente oder Begabte, sie alle provozieren Bilder, ohne die sie – im wahrsten Sinne des Wortes – nicht denkbar wären.

Es gibt eine enge Verwandtschaft zwischen dem Ressentiment und dem Zeitkristall, wenn man sich das Ressentiment als die ungeschriebene Rolle denkt, der viele Dokumentarfilm-Protagonisten ausgesetzt sind. Da der Zeitkristall sich auf die oberste Schicht unseres Erinnerns bezieht und das Ressentiment ein gesellschaftliches Phänomen ist, können wir festhalten, dass der Dokumentarfilm an dieser Stelle mit kristallinen Strukturen umgeht, die kollektiver Natur sind. Unseres Ressentiments werden wir uns im Dokumentarfilm in der Regel deshalb bewusst, weil es nicht bedient wird, die Akteure aus der verschriebenen Rolle fallen. Der Dokumentarfilm macht Zeitkristalle nicht nur sichtbar, er zersplittert sie regelrecht, zumindest hat er die Mittel dazu.

In vielen Dokumentarfilmen lässt sich eine Art Kampf verfolgen, in dem sich die Protagonisten aus den Kristallen befreien, in die sie eingeschlossen sind. Die Regie kann diesen Prozess unterstützen oder unterdrücken, wobei diese Unterdrückung identisch wäre mit der Unterdrückung des Dokumentarischen. Dieser Kristall entsteht nicht im Dokumentarfilm, er wird dort nur sichtbar. Das Publikum hat Anteil daran, weil es und nicht die Akteure die Rollen vertritt, deren Verkörperung es erwartet. Es kann also nie allein Sache des Dokumentarfilms sein, diesen besonderen, wenn man so will, dokumentarischen Kristall zu zerstören.

Grundsätzlich ist das Publikum hierzu aufgerufen im Dokumentarfilm. Das wirft mithin ein anderes Licht auf Exhibitionismus und Voyeurismus im Dokumentarfilm. Denn in beiden Fällen muss gefragt werden, auf welche Seite des Kristalls sie sich beziehen. Blickt der Voyeur auf die Rolle, die virtuelle Seite des Kristalls, oder auf die Aktualität des Protagonisten? Und dieser, durch welche Seite des Kristalls entäußert er (oder sie) sich? Dabei dürfen wir nicht vergessen, dass die aktuelle Seite viel schwerer zu erfassen ist, weil sie diffus bleibt, von einem unendlichen Off zerstreut.

Die Voraussetzung für den Voyeurismus-Vorwurf ist immer, dass das Ausgestellte identifiziert werden kann, es ganz als Objekt erscheint. Genau dies ist im Dokumentarfilm aber meist unmöglich. Es sei denn, die Regie forciert eine solche Identifikation. Der Voyeurismus-Vorwurf will die Offenheit des Dokumentarfilms nicht zulassen und auf der Identifikation beharren. Andernfalls könnte jene Offenheit bedrohlich für die eigene Ideologie werden. Dass die Mechanismen vermeintlich exhibitionistischer Züge der Protagonisten dieselben sind, liegt auf der Hand. Der Kristall, der sich um die Freaks bildet, ist äußerst hart. Der Dokumentarfilm macht deutlich, dass, wenn wir die Augen öffnen, wir nicht nur nicht die Realität sehen, sondern unzählige Zeitkristalle.