Das bedrohte Gehirn ist eine Highspeed-Kamera, die die Zeit auf ihr Vielfaches ausdehnt. Während des Unfalls nimmt sich das Denken den Raum, den es braucht, das Chaos zu restrukturieren und dieser Struktur eine eigene Dauer zu geben.

Werner Herzog greift in seinem Film über den Skispringer Steiner zur Zeitlupe, um die verborgene Wirklichkeit des Skifliegens sichtbar zu machen. Sie ist das Gegenteil jener Zeitlupe, die einen Augenblick pathetisch überhöhen soll. Das zueinander stürmende Liebespaar wäre dazu der Prototyp. Die Liebenden überspringen bereits in Gedanken die Entfernung. Die Köper können kaum folgen, eigentlich eine Stauchung von Zeit. Die Bewegung der Körper hinkt der Bewegung der Gedanken hinterher. Das Publikum erhält in der Zeitlupe dieser Bewegung bloß die Gelegenheit, die Sehnsucht der Liebenden voyeuristisch auszukosten.

Das Umgekehrte gilt für das Portrait Steiners. Herzogs Beobachtungen umreißen ihn als einen Suchenden. Mit den ersten Bildern sehen wir den Skispringer als Bildschnitzer. Seine Erläuterungen zu Energien, deren Wirken im Holz er sichtbar machen möchte, weisen ihn als Visionär aus. Auch sehen wir einen Träumer, dem das Skifliegen die Möglichkeit bietet, einen ekstatischen Moment der Unabhängigkeit zu erleben. Der Regisseur und der Protagonist sind Gleichgesinnte, eine Parallele, die sich in vielen Filmen Herzogs findet. Beide suchen nach Möglichkeiten, die beengende logische Mechanik der Welt zu überlisten, etwas zu finden, das diese außer Kraft setzt. Die Zeitlupe gibt hierbei dem Sprung seine eigentliche Dauer zurück. Sie transponiert ihn in das Fliegen und lässt einen Traum wahr werden.

Darin liegt zugleich die Hybris der Unternehmung. Steiner zahlt einen hohen Preis für die Erfüllung seiner Sehnsucht. Er riskiert mit jedem Sprung den Tod. Deshalb sind die vielen, kaum erträglichen Aufnahmen schwerer Stürze unabdinglich. Wir nehmen die Grenzerfahrung mit in die Zeitlupen und erleben so die Herausforderung des Todes. Herzog gelingt es, hieraus einen allgemeinen Zusammenhang abzuleiten, als wäre die Infragestellung der Wirklichkeit nicht zu denken ohne untergründig wirksame Todessehnsucht.

Merkwürdige Ambivalenz einer Apotheose und ihres Gegenteils in der letzten Einstellung des Filmes: Steiner verschwimmt zu einem winzigen Strichmännchen vor einem unendlich weißen Hintergrund. Es ist der auf seine wirkliche Größe zurückgeführte Mensch und gleichzeitig ein in die Unendlichkeit eingehender Walter Steiner.